Rückenschmerzen: Wann ist eine OP notwendig?
Der Neurochirurg Dr. Munther Sabarini erklärt, warum nicht jeder Bandscheibenvorfall operiert werden muss, welche Rolle moderne Diagnostik spielt und in welchen Fällen minimal-invasive Verfahren eine wirksame Alternative zur klassischen Operation sind.
Um zentrale Fragen rund um die Wirbelsäulengesundheit zu beleuchten, traf sich der Journalist Mustafa Ekşi mit dem Neurochirurgen Dr. med. Munther Sabarini. Mit über 30 Jahren Berufserfahrung und besonderer Expertise in minimal-invasiven Behandlungsmethoden zählt Dr. Sabarini zu den renommierten Spezialisten auf dem Gebiet der Wirbelsäulenchirurgie. In dem Gespräch ging es um häufige Rücken- und Bandscheibenprobleme, die Entscheidung für oder gegen eine Operation sowie um den deutlichen Anstieg von Rückenbeschwerden bei jüngeren Menschen.
Nach dem Interview zum Thema Wirbelsäulengesundheit: Journalist Mustafa Ekşi gemeinsam mit Dr. Munther Sabarini. (Foto: Bedii Selvi)
Rückenschmerzen als gesellschaftliches Problem
Dr. Sabarini betont, dass rund 80 Prozent der Menschen im Laufe ihres Lebens mindestens einmal unter Rückenproblemen leiden. Etwa 30 Prozent entwickeln chronische Beschwerden. Rückenschmerzen seien nach seinen Worten eine der häufigsten Ursachen für Arbeitsunfähigkeit und ein wesentlicher Faktor für Frühverrentung. Besonders betroffen seien Menschen über 50 Jahre, allerdings nehme die Zahl junger Patientinnen und Patienten spürbar zu. Langes Sitzen, Bildschirmarbeit sowie intensive Smartphone-Nutzung begünstigten Fehlhaltungen und frühzeitige Verschleißerscheinungen.
Wer braucht eine Bandscheibenoperation?
Nicht jede diagnostizierte Bandscheibenhernie erfordert laut Dr. Sabarini einen operativen Eingriff. Zunächst würden konservative Therapien wie Physiotherapie, Schmerzbehandlung und gezielte Bewegungskonzepte angewandt. Eine Operation komme vor allem dann in Betracht, wenn diese Maßnahmen keinen Erfolg zeigen oder wenn neurologische Ausfälle wie Kraftverlust, Taubheitsgefühle oder Lähmungserscheinungen auftreten. Grundlage jeder Entscheidung sei eine präzise Diagnostik, bestehend aus neurologischer Untersuchung und bildgebenden Verfahren wie der MRT.
Akute und chronische Wirbelsäulenerkrankungen
Der Neurochirurg unterscheidet zwischen akuten und chronischen Wirbelsäulenproblemen. Akute Beschwerden seien häufig Ausdruck eines neu aufgetretenen Bandscheibenvorfalls. Chronische Verläufe hingegen stünden oft im Zusammenhang mit Spinalkanalverengungen oder degenerativen Veränderungen der Wirbelsäule. In beiden Fällen gelte: Erst eine eindeutige Befundlage rechtfertige einen operativen Eingriff.
Minimal-invasive Verfahren als moderne Alternative
Bei mittelgradigen Befunden setzt Dr. Sabarini bevorzugt auf minimal-invasive Verfahren. Diese können in ausgewählten Fällen unter lokaler Betäubung durchgeführt werden, ohne große Schnitte. Mithilfe spezieller Kanülen werde gezielt auf die betroffene Bandscheibe eingewirkt, um den Druck auf die Nerven zu reduzieren. Bei fortgeschrittenen oder komplexen Erkrankungen sei jedoch weiterhin die klassische Operation notwendig.
Medizinisches Selbstverständnis der Avicenna-Klinik
Dr. Sabarini ist ärztlicher Leiter der Avicenna Wirbelsäulenchirurgie. Der Name der Klinik ist eine bewusste Referenz an den Universalgelehrten Ibn Sina (Avicenna). Dessen ganzheitlicher Ansatz – die Verbindung von körperlicher, seelischer und sozialer Gesundheit – bilde auch heute noch die Grundlage der medizinischen Philosophie der Einrichtung. Patientinnen und Patienten würden nicht nur nach Befunden, sondern als Menschen mit individuellen Lebensumständen betrachtet.
Zur Person: Dr. Munther Sabarini
Dr. Munther Sabarini ist Facharzt für Neurochirurgie mit Schwerpunkt Wirbelsäulenerkrankungen. Er verfügt über Erfahrung in mikrochirurgischen und minimal-invasiven Techniken und hat im Laufe seiner Karriere mehr als 30.000 Patientinnen und Patienten behandelt. Neben seiner klinischen Tätigkeit ist er regelmäßiger Referent auf nationalen und internationalen Fachkongressen.
Das Interview verdeutlicht, dass moderne Wirbelsäulenchirurgie heute differenzierter denn je ist. Nicht jede Diagnose führt automatisch zur Operation – entscheidend sind eine fundierte Abklärung, individuelle Therapieplanung und der gezielte Einsatz innovativer Verfahren.